Einerlei und Durchschnittsbrei
Warum das menschliche Lektorat in Zeiten der KI-Schwemme über Erfolg oder Beliebigkeit entscheidet
Wer die rasante Entwicklung von GenAI und generativer Text-KI verfolgt, erkennt schnell das immense Potenzial, das in diesen Werkzeugen steckt. Gleichzeitig wird jedoch die Kehrseite dieser Technologie immer deutlicher sichtbar. Dass Amazon über sein KDP-Programm die Veröffentlichung neuer Bücher kürzlich von drei Titeln pro Tag auf zwei pro Woche begrenzen musste, ist ein deutliches Warnsignal. Die digitalen Plattformen und der gesamte Buchmarkt werden derzeit mit maschinell erzeugten Inhalten überschwemmt.
Diesen Wandel beobachte ich seit geraumer Zeit auch in der täglichen Arbeit mit meinen Auftraggeber:innen. Kommt ein Text nach jahrelanger Zusammenarbeit plötzlich vollkommen makellos in Rechtschreibung und Grammatik daher oder ist auf einmal mit Begriffen gespickt, die früher nie zum Wortschatz gehörten, fällt die digitale Handschrift sofort ins Auge.
Das grundlegende Problem liegt in der Natur der Algorithmen selbst: KI berechnet Wahrscheinlichkeiten und erzeugt dadurch per Definition den perfekten mathematischen Durchschnitt. Nutzen alle dieselben Eingabeaufforderungen und Systeme, entsteht eine optisch glattpolierte, aber inhaltlich blasse Textwüste. Diese Inhalte klingen zwar gefällig, gleichen sich aber wie ein Ei dem anderen. Sie besitzen weder Charakter noch echte Haltung.
Genau an dieser Stelle wird ein professionelles menschliches Lektorat zum entscheidenden Erfolgsfaktor, und mich schmerzt, dass so viele meiner Kolleg:innen aktuell den Rotstift werfen. Die Aufgabe des professionellen Lektorats erschöpft sich längst nicht mehr darin, Kommata zu korrigieren oder den Duden zu konsultieren. Vielmehr wirkt ein feinfühliges Lektorat wie ein Prismenfilter, der das künstlich erzeugte Rohmaterial bricht und ihm seine individuelle Farbe zurückgibt. Ein erfahrenes Auge erkennt die typischen KI-Schablonen sofort, streicht künstlich aufgeblähten Phrasenballast und bringt die eigentliche Botschaft wieder klar auf den Punkt.
Menschliche Sprache lebt von Rhythmuswechseln, bewussten Stilbrüchen und jenen feinen Zwischentönen, die ein Algorithmus schlichtweg nicht begreifen kann. Eine generative KI kennt weder die einzigartige Geschichte einer Marke noch das subtile Bauchgefühl dafür, wie eine Leserschaft emotional berührt wird. Wer KI-Entwürfe ungeprüft veröffentlicht, tauscht seine unverwechselbare Identität gegen austauschbaren Standard ein und veröffentlicht im schlechtesten Fall lediglich ein Plagiat.
Nur das versierte Lektorat bewahrt die authentische Stimme, schützt vor dem digitalen Einerlei und verwandelt geglätteten Einheitsbrei in charakterstarke Kommunikation. In einer Welt, die im Rauschen automatisierter Texte zu ertrinken droht, deren vorhandene Lücken durch schlichte Wahrscheinlichkeiten, Berechnungen und Durchschnitt gefüllt werden, wird der echte, lebendige menschliche und individuelle Stil der Autor:innen zum wertvollsten Gut und zum stärksten Wettbewerbsvorteil überhaupt.
Deshalb schmeiße ich weder das Handtuch noch den Rotstift hin, sondern sage: Jetzt erst recht!
