Fehlerlos ist nicht perfekt
Warum KI-korrigierte Texte kein einziges Lektorat erleichtern
Immer häufiger erreichen mich Manuskripte, die bereits einem Sprachmodell zur Korrektur vorgelegt worden sind, und fast immer verbinden die Verfasser:innen damit die Hoffnung, das Lektorat gelinge dadurch schneller und günstiger. Diese Hoffnung ist verständlich, zumal die Texte auf den ersten Blick sauberer wirken als vieles, das mir in knapp zwanzig Jahren Lektoratsarbeit vorgelegt wurde.
Der erste Blick täuscht jedoch – im Korrektorat ebenso wie im Lektorat.
Scheinbar fehlerfrei
Generative Text-KI macht nach wie vor Fehler in Orthografie, Grammatik und Syntax, allerdings andere als Menschen und vor allem unauffälligere. Ein falscher Bezug, eine gekippte Kongruenz oder ein Komma, das den Sinn verschiebt, verbergen sich in einem Text, der ansonsten makellos aussieht, weshalb ich jeden Satz so genau prüfen muss wie zuvor, wenn nicht genauer. Hinzu kommt, dass die Modelle auch bei deutschem Input vielfach am Englischen orientiert bleiben. Was zurückkommt, ist gewissermaßen eine Übersetzung des eigenen Textes in eine englisch gedachte Ausdrucksweise, mit kurzen, gereihten Sätzen, Lehnübersetzungen und jenen Floskeln, an denen sich maschinelles Texten inzwischen erkennen lässt (und glauben Sie mir: Kenner:innen sehen sofort, dass KI im Spiel war).
Die verschwundene Stimme
Schwerer wiegt allerdings, was ich auf den ersten Blick eben nicht mehr sehe. Ich beginne meine Lektorate nie mit dem Rotstift, sondern sichte und lese das Manuskript zunächst, um die Stimme eines Menschen kennenzulernen, seinen Satzbau und Rhythmus, seine Lieblingswendungen und auch seine typischen Fehler. Gerade diese Fehler sind aufschlussreich, denn sie zeigen mir, wo jemand unsicher ist oder eine Eigenheit bewusst gesetzt wurde. Erst auf dieser Grundlage entscheide ich, welcher Eingriff den Text stärkt und welcher ihn verfremden würde. (Zusätzlich erhalten meine Auftraggeber:innen bei belletristischen Lektoraten vor Auftragsbeginn den sog. Fragebogen zum Text, der den persönlichen Stil und sprachliche sowie schriftstellerische Vorlieben präzise abfragt und mir eine essenzielle Grundlage für mein Lektorat bietet.)
Liegt mir allerdings ein von der KI geglätteter Text vor, sind diese Spuren getilgt. Die eigene Stimme scheint oft nur mehr ganz leicht durch, und ich muss sie aus den durchschnittlichen Formulierungen im Duktus der generativen Text-KI erst wieder herauslesen, bevor ich den Text zurück in einen individuellen Stil führen kann. Außerdem weiß ich nicht, an welchen Stellen eine GenAI den Inhalt verschoben hat, zumal sie präzise Aussagen gern abschwächt und Fachbegriffe durch Synonyme ersetzt, was in einer Fachpublikation ein inhaltlicher Fehler ist. Ohne die Ausgangsfassung bleibt mir nur, jede Stelle betreffend ihre Absicht zu hinterfragen, was aufwendiger ist als die Arbeit an einem authentischen Text samt aller Fehler.
Fünfzehn Autor:innen, eine Stimme
Wie weit das reicht, zeigt eine Fachpublikation, an der ich derzeit arbeite. Die Beiträge stammen von fünfzehn Autor:innen, die ihre Artikel offensichtlich durchwegs einer Text-KI zur Korrektur vorgelegt haben. Das Ergebnis ist ein Gleichklang, der sich über den gesamten Band erstreckt. Selbstverständlich sollen wissenschaftliche Texte den fachlichen Duktus, den Fachjargon und professionelle Formulierungen wahren, dennoch ließen sich in vergleichbaren Publikationen die einzelnen Verfasser:innen bisher an ihrer Stimme und ihrem Stil voneinander unterscheiden. Das ist nun nicht mehr der Fall. Anthologien und Fachpublikationen, an denen unterschiedlichste Menschen mitarbeiten, lesen sich jetzt, als wäre nur ein:e Verfasser:in daran beteiligt gewesen – doch das war lediglich eine Text-KI. Bemerkenswert ist, dass es dazu keines generierten Textes bedarf, denn der Durchschnittsbrei entsteht bereits dann, wenn jemand einen selbst verfassten Text lediglich zum (maschinellen) Korrektorat vorlegt. Sprachliches und stilistisches Einerlei ist auch nicht an ein bestimmtes KI-Modell gebunden, sondern modellübergreifend zu beobachten, da alle LLM das Wahrscheinlichste formulieren.
Warum die Kosten nicht sinken
Der Preis eines Lektorats kann nicht reduziert werden, nur weil der Text zuvor in ein KI-System eingespeist wurde. Ich schätze den Aufwand weiterhin anhand einer Textprobe ein, und diese Einschätzung fällt bei oberflächlich korrekten Texten aktuell tatsächlich oft höher aus als bei menschlich erstellten, weil zur üblichen Arbeit die Rekonstruktion der Stimme und die Suche nach versteckten Verschiebungen hinzukommen.
Deshalb mein Tipp: Wenn Sie ein Lektorat planen, schicken Sie mir am besten Ihre eigene, authentische, unbearbeitete Fassung, denn nur sie zeigt mir, wie und nach wem Ihr Text klingen soll.
Pro-Tipp: Wer KI-Systeme so einsetzen möchte, dass sie die eigene sprachliche Handschrift bewahren, findet in SchreibWende fundierte Orientierung. Im Mittelpunkt steht ein professioneller, verantwortungsvoller Umgang mit KI, der sprachliche und kulturelle Qualität fördert, statt sie zu untergraben. Wer seinen individuellen Stil gezielt herausarbeiten möchte, bucht meinen Stilspiegel (inklusive Duktusprofil und Stilkompass).
