Warum das professionelle menschliche Lektorat in Zeiten generativer Text-KI unerlässlich bleibt.
Warum ein Lektorat? Weil Maschinen nur wiederholen, was schon geschrieben wurde.
Generative Textmodelle formulieren flüssig, setzen Kommas (weitgehend) zuverlässig und übersehen kaum einen Tippfehler. Man könnte daraus schließen, das menschliche Lektorat habe sich damit erledigt. Tatsächlich verhält es sich umgekehrt, und die Gründe dafür lassen sich benennen.
Ein Sprachmodell kennt nur den Durchschnitt.
KI-Systeme schreiben, indem sie berechnen, welches Wort mit der größten Wahrscheinlichkeit auf das vorige folgt. Was sie hervorbringen, ist folglich stets die naheliegendste Fortsetzung dessen, was in ihren Trainingsdaten schon unzählige Male stand. Das eigenwillige Bild, der Satz, der gegen die Erwartung gebaut ist, die Wendung, an der man einzelne Autor:innen wiedererkennt: All das steht gegen jede Berechnung und wird von der Maschine deshalb geglättet, sobald ihr ein Text zur Überarbeitung überlassen wird.
Die Folgen sind bereits messbar.
In wissenschaftlichen Veröffentlichungen traten 2021 rund 190 Wörter auffällig häufiger auf, als es der Sprachgebrauch früherer Jahre erwarten ließe, und im Jahr 2024 waren es schon über 450, zu zwei Dritteln Verben, die sich seither in Texten aller Art wiederfinden. Studien zum kreativen Schreiben zeigen zudem, dass einzelne Schreibende mit KI zwar originellere Texte verfassen, die Vielfalt über alle Schreibenden hinweg jedoch abnimmt, weil sie aus derselben Quelle schöpfen. Und auf dem Buchmarkt hat sich das Angebot vervielfacht, während der Umsatz je Titel spürbar gesunken ist, und zwar auch bei Büchern, die ohne jede KI entstanden sind.
Werden Modelle schließlich mit Texten trainiert, die ihrerseits von Modellen stammen, verarmt ihre Sprache von Generation zu Generation weiter. Die einschlägige Forschung spricht in diesem Zusammenhang bereits von einem Kollaps, und gemeint ist genau das, was Leser:innen schon jetzt spüren: Texte, die in ihren Formulierungen einander teilweise so sehr gleichen, dass sie nicht mehr voneinander unterschieden werden können. Die eigene Stimme jedes und jeder Schreibenden geht sukzessive verloren, der Einheitsbrei am Buchmarkt nimmt zu.
Ein Mensch muss den Text verantworten.
Mag sprachlich vieles korrekt sein – Stil und Inhalt bleiben ein Problem. Eine Text-KI kann zwar analysieren, doch ohne professionelle Ausbildung lässt sich nicht erkennen, inwiefern diese Gutachten fundiert sind und wo die KI schlicht halluziniert. Ein Sprachmodell weiß nämlich nicht, ob zutrifft, was es behauptet, es erfindet Quellen, sofern ihm keine vorliegen, und es kann für keinen seiner Sätze einstehen und nur raten, was es Autor:innen empfehlen könnte. Prangt Ihr Name auf dem Titel, auf der Dissertation oder auf der Unternehmensseite, haften allerdings Sie selbst für das Geschriebene. Die europäische KI-Verordnung trägt dem seit August 2026 Rechnung: Bestimmte Texte, die mit KI erstellt wurden, müssen als solche gekennzeichnet werden, es sei denn, ein Mensch mit fachlichem Urteilsvermögen hat sie vor der Veröffentlichung geprüft und übernimmt die redaktionelle Verantwortung. Eine bloße Rechtschreibprüfung genügt dafür ausdrücklich nicht.
Was daraus folgt
Professionelle Textbearbeitung gelingt auch im Jahr 2026 nicht, wenn sie von jemandem durchgeführt wird, der nicht dafür ausgebildet ist. Ein professionelles Lektorat erkennt, wo ein Text ins Gewöhnliche abrutscht, es unterscheidet persönlichen Stil von tatsächlichen Fehlern, prüft, was behauptet wird, kann Manuskriptgutachten erstellen und das Marktpotenzial eines Buches aufgrund jahrzehntelanger Erfahrung einschätzen – und es steht mit einem Namen für das Ergebnis ein. All das leistet weder eine Software noch eine Maschine, gleichgültig, wie flüssig ein Bot (oberflächlich betrachtet) formuliert.
Meine Haltung
Ich verteufle neue Technologie nicht, zumal ich selbst damit arbeiten muss, um meine Auftraggeber:innen bestmöglich beraten zu können, und bisher zwei Bücher über ihren sinnvollen Einsatz geschrieben habe. Für den problematischsten Irrtum unserer Branche halte ich es jedoch, rein sprachliche Korrektheit mit literarischer oder stilistischer Qualität zu verwechseln, und den Verlust der eigenen Stimme betrachte ich als einen Preis, den niemand zahlen sollte, der etwas zu sagen hat.
Weiterlesen
Woran maschinell erzeugte Texte erkannt werden können, erfahren Sie unter Die Handschrift der Maschine, und wie stark Ihr eigener Text davon betroffen ist, zeigt Ihnen die Selbstprüfung. Ausführlich behandeln all dies SchreibWende und das zugehörige Workbook, die Sie samt Bonusmaterial auf schreibwende.at finden.
